Wie es wirklich ist ein Orchester zu dirigieren

Letztens war ein Artikel über mich in der Wochenzeitung „Die ZEIT“ zu „Wie es wirklich ist…“

Dies war mein Urtext dazu:

„Mein „wie es wirklich ist“ fängt an mit dem Studium und der Analyse der Partitur am Schreibtisch, dann Studium spielend und/oder singend am Klavier, dann wieder innerlich hörend am Schreibtisch.
So erwächst ein Bild von der Partitur.
Erst wenn die Partitur innerlich in mir lebt, kann ich vor das Orchester treten.

Ich habe meist gastiert, also eine Woche Proben mit dem Orchester und am Ende der Woche Konzert. Manchmal kann man so als Außenstehender schnell die inneren Dynamiken im Orchester erkennen.
Man lernt sich musikalisch kennen. Ich merke, was das Orchester braucht, wie es auf mich reagiert.
In der Probenarbeit geht es dann um Zusammenspiel, Intonation, Balancen in der Lautstärke, üben schwerer Stellen, auch das Proben mit Teilen des Orchesters.
Man dirigiert eigentlich mit dem Gehör. Der Stock und die Gesten sind das äußere Zeichen dafür. D.h. das innerlich Gehörte mit dem aktuell Gehörten vergleichen und dann agieren und reagieren.
Vieles in der Probe und im Konzert ist auch Energiemanagement. Welche Energie innerhalb oder zwischen den Instrumentengruppen herrscht vor. Wer gibt zuviel, wer zuwenig, wie muß ich das steuern? Auch geht es oft um Motivation. Wie kann ich z.B. einen in seinem Beruf frustrierten Musiker motivieren? Was braucht er? Wie komme ich an ihn/sie heran?

Mir war immer wichtig einen Raum zu schaffen. Einen Raum, in den das Orchester hineinwachsen kann. Herauszufinden, was ich tun muß, damit das Orchester besser spielt, über sich hinauswächst.
Bei einer Aufführung eines zeitgenössischen Stückes mit einem namhaften Orchester einer europäischen Hauptstadt schien das Orchester nicht sehr inspiriert, es machte seinen Dienst. Also gab ich mehr Energie, nach dem Motto wir gehen jetzt ins Risiko und machen Musik. Und wenn sich danach der Solo-Pauker bedankt, weiß ich, das war was sie brauchten.

Und meist gelingt das am besten, wenn man ganz in der Musik bleibt und das Orchester durch die eigene Leidenschaft zur Musik mitnimmt. Die Musiker merken sehr schnell, ob man „herrscht“ oder sie benutzt, ob man – meist zu lang – von Dingen redet, die ihnen musikalisch oder spieltechnisch nichts sagen oder ob man in der Musik lebt und sie da abholt wo sie gerade sind.

Letztendlich ist das Orchester ein Instrument, ein menschliches Instrument auf dem oder besser mit dem der Dirigent spielt. Es ist ein Zusammenspiel der Ideen, der Musikalität, der Energien und der Erfahrungen. Für mich ist der Ort da auf dem Podium inmitten der rauschenden Wellen des Klanges, in dieser musikalischen und menschlichen Energie, in diesem Geben und Nehmen, in dieser Leidenschaft der schönste Ort der Welt.

Wenn das alles und mehr zusammenkommt, dann ist es als wenn der Klang der Welt schon im ersten Tremolo von Bruckners 7. Sinfonie entsteht.
Dann erlebt man unvergeßliche musikalische Verbundenheit mit den SängerInnen auf der Bühne.
Dann kommt z.B. der Solo-Klarinettist nach einer Aufführung von Skrjabins 2. Sinfonie zu mir und sagt, er müsse erst in die Realität zurückkommen, wir seien eben gerade wo ganz anders gewesen.

Dann eröffnen sich musikalische Welten, die erst in ihrem Entstehen betreten werden können.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.